The Abbe Number: Wenn Licht das Jenoptik-Hochhaus neu erfindet
Es gibt Momente, in denen vertraute Orte plötzlich ihre gewohnte Gestalt verlieren. Augenblicke, in denen Architektur nicht mehr nur aus Beton, Glas und Stahl besteht, sondern zu einer lebendigen Leinwand wird. Genau ein solcher Moment entstand im Oktober 2025 in Jena, als das markante Ernst-Abbe-Hochhaus durch die Lichtinstallation „The Abbe Number“ zu einem spektakulären Kunstwerk wurde.
Als Fotograf faszinieren mich genau diese Begegnungen zwischen Realität und Illusion. Das Spiel aus Licht und Schatten, die Veränderung vertrauter Perspektiven und die Fähigkeit von Kunst, einen bekannten Ort völlig neu erlebbar zu machen. Mit „The Abbe Number“ gelang der Berliner Künstlergruppe ZEITGUISED genau das. Sie verwandelte eines der bekanntesten Wahrzeichen Jenas in eine beeindruckende digitale Lichtskulptur, die Wissenschaft, Kunst und Technologie miteinander verschmelzen ließ.
Wenn ein Hochhaus zum Prisma wird
Wer das Ernst-Abbe-Hochhaus kennt, verbindet mit ihm vor allem die Innovationskraft der Lichtstadt Jena. Doch während der Projektionen zwischen dem 17. und 31. Oktober 2025 schien das Gebäude seine physische Form aufzulösen.
Mithilfe modernster Projection-Mapping-Technologie entstand die Illusion eines riesigen Glasquaders. Das Hochhaus wirkte plötzlich transparent, zerbrechlich und gleichzeitig monumental. Lichtstrahlen brachen sich scheinbar in unzähligen Facetten, Farben entstanden und verschwanden wieder, während sich das Gebäude kontinuierlich verwandelte.
Für die Besucherinnen und Besucher entstand ein außergewöhnliches Erlebnis. Bekannte Architektur wurde zur Projektionsfläche für neue Perspektiven. Jeder Blickwinkel eröffnete andere Eindrücke, jede Minute offenbarte neue Details.
Besonders in den Abendstunden entwickelte die Installation eine magische Wirkung. Wenn die Dunkelheit über Jena hereinbrach und die ersten Lichtprojektionen die Fassade erfassten, entstand ein faszinierendes Zusammenspiel zwischen Stadt, Himmel und digitaler Kunst.
Eine Hommage an Ernst Abbe und die Wissenschaft des Lichts
Der Titel „The Abbe Number“ verweist auf die sogenannte Abbe-Zahl, eine der wichtigsten Kenngrößen in der Optik. Sie beschreibt die Dispersion von Licht und spielt bis heute eine zentrale Rolle bei der Entwicklung hochwertiger optischer Systeme.
Die Installation würdigte damit nicht nur den Physiker Ernst Abbe, sondern auch die wissenschaftliche Tradition Jenas. Kaum eine andere Stadt ist so eng mit der Erforschung von Licht verbunden wie die Saalestadt. Namen wie Ernst Abbe, Carl Zeiss und Otto Schott prägen bis heute den internationalen Ruf Jenas als Zentrum für Optik und Photonik.
ZEITGUISED griff diese wissenschaftlichen Grundlagen auf und übersetzte sie in eine visuelle Sprache. Statt optische Fehler zu vermeiden, wurden Farbsäume und Lichtbrechungen bewusst zum gestalterischen Element. Das Ergebnis war ein beeindruckendes Farbenspiel, das wissenschaftliche Prinzipien für alle sichtbar und erlebbar machte.
Die fotografische Faszination von Licht und Bewegung
Für Fotografen gehören Lichtinstallationen zu den spannendsten Motiven überhaupt. Keine Projektion gleicht der anderen. Farben verändern sich innerhalb von Sekunden, Formen entstehen und verschwinden wieder.
Bei „The Abbe Number“ lag die Herausforderung nicht nur in der technischen Umsetzung der Fotografie. Viel wichtiger war die Frage, wie sich die Atmosphäre dieses Erlebnisses in einem einzelnen Bild festhalten lässt.
Die Projektionen lebten von Bewegung und Transformation. Das Hochhaus schien zu atmen, sich zu öffnen und wieder zu schließen. Jeder Moment war einzigartig.
Besonders reizvoll waren die Spiegelungen auf umliegenden Glasflächen sowie die Kontraste zwischen der historischen Stadtlandschaft und der futuristischen Lichtkunst. Genau diese Gegensätze verliehen den Bildern eine besondere Dynamik.
Fotografie bedeutet in solchen Situationen, den richtigen Augenblick zu erkennen. Nicht die Technik steht im Vordergrund, sondern die Fähigkeit, Emotionen sichtbar zu machen und einen flüchtigen Moment dauerhaft festzuhalten.
ZEITGUISED. Internationale Pioniere digitaler Kunst
Hinter der Installation steht das Berliner Studio ZEITGUISED, das international zu den renommiertesten Akteuren der digitalen Kunstszene zählt.
Seit Jahrzehnten beschäftigen sich die Künstler mit computergenerierten Bildwelten, virtuellen Räumen und den Möglichkeiten algorithmischer Gestaltung. Ihre Arbeiten bewegen sich an der Schnittstelle von Design, Technologie und visueller Kunst.
Bekannt wurden sie unter anderem durch Projekte wie „The Zoo“ oder „Peripetics“, die weltweit Aufmerksamkeit erregten. Mit „The Abbe Number“ gelang ihnen in Jena eine beeindruckende Verbindung von wissenschaftlicher Geschichte und zeitgenössischer Medienkunst.
Die Installation zeigte eindrucksvoll, wie digitale Technologien neue Formen künstlerischen Ausdrucks ermöglichen und gleichzeitig historische Themen auf innovative Weise vermitteln können.
tangente digital art macht Kunst für alle sichtbar
Die Projektion war Teil der Reihe „tangente digital art“, die von Jenoptik initiiert wurde. Seit ihrer Weiterentwicklung im Jahr 2022 verfolgt die Reihe das Ziel, digitale Kunst aus Museen und Galerien heraus in den öffentlichen Raum zu bringen.
Die riesigen Fassadenflächen des Ernst-Abbe-Hochhauses bieten dafür ideale Voraussetzungen. Auf bis zu 960 Quadratmetern entstehen spektakuläre Kunstwerke, die von allen Menschen kostenfrei erlebt werden können.
Gerade diese Offenheit macht das Projekt so besonders. Kunst wird nicht hinter Eintrittskarten oder Museumsmauern verborgen, sondern Teil des städtischen Lebensraums.
Die Zusammenarbeit mit Jenoptik, JenaKultur, Galerie Huber & Treff, Robert Seidel und der Laser Event Company zeigt eindrucksvoll, wie stark Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft in Jena miteinander verbunden sind.
Jena als Lichtstadt neu erleben
„The Abbe Number“ war weit mehr als eine Lichtinstallation. Das Projekt erzählte die Geschichte einer Stadt, deren Identität eng mit dem Thema Licht verbunden ist.
Die Projektionen machten sichtbar, was Jena seit Generationen prägt. Forschung, Innovation und die Fähigkeit, wissenschaftliche Erkenntnisse mit kreativen Ideen zu verbinden.
Für Besucherinnen und Besucher entstand ein Erlebnis, das gleichermaßen beeindruckte, inspirierte und zum Nachdenken anregte. Die Grenzen zwischen Kunstwerk und Gebäude verschwammen. Das Hochhaus wurde selbst zum Akteur einer visuellen Erzählung.
Wenn Wissenschaft zur Kunst wird
Manche Kunstwerke beeindrucken durch ihre Größe. Andere durch ihre Technik. „The Abbe Number“ gelang etwas noch Wertvolleres. Die Installation schuf eine emotionale Verbindung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Für mich als Fotograf war diese Lichtkunst ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Licht unsere Wahrnehmung verändern kann. Bekannte Orte erscheinen plötzlich neu, vertraute Strukturen entwickeln ungeahnte Facetten und wissenschaftliche Ideen werden zu visuellen Erlebnissen.
Mit „The Abbe Number“ verwandelte ZEITGUISED das Jenoptik-Hochhaus nicht nur in ein Kunstwerk. Die Installation machte sichtbar, warum Jena zu Recht als Lichtstadt bekannt ist und wie faszinierend die Verbindung von Wissenschaft, Technologie und Kreativität sein kann.
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